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Ceuta

Spanischer Tod in Marokko

... ich stieg auf, suchte um die Inselspitze nach Strand, lief vor, auf der Straße, zu den Ausläufern der Klippen. Gestank lag in der Luft, nahm zu, Möwen kreisten um Unrat am Ufer. Es roch nach Müll. Merkwürdig klebten Häuser am Hang, in der Ferne. Mietswaben gleich, wie große Sozialwohnungsbauten. Buntgetupft, mit festlich geschmückten Balkonen. Ich schritt darauf zu, neugierig. Die Siedlung lag hinter Mauern. Ein Tor öffnete sich. Ich tat zwei Schritte – und stand jäh in der Stätte der Gestorbenen.

Sie wohnten in Häusern, oberirdisch wie wir, ein jeder sein gemietetes Quartier, in Blöcken zu zwanzig mal zehn Parteien, im Bann des Vogelkreischens. Die Blöcke trugen Straßennamen ... über den Gräbern Schilder. Stein auf Stein, auch in der Ewigkeit zur Mauer gefügt. Zimmer um Zimmer.

Jedes Grab hatte ein Türchen, jedes Türchen war ein Grab. Wohnschubladen voller Rätsel und Geheimnis. Auf Marmor oder unter Glas Marienbilder und Jesuskinder oder Gemmen. Davor der Schmuck des Hauses, Blumenpracht, frisch oder Plastik. Tausende blühender Fensterbretter. Das Klappern der Türchen im Wind. Wie friedlich. Ob sie das Heimat nennen konnten, die Seelen der Toten? Seltsame Teilung von Welt.

Wie schön der Gedanke, dass sie von über der Erde uns Irdische blicken durften. Den Vögeln lauschen. Vielleicht sich Besuche abstatten und plaudern miteinander, ohne sich durch bodenlose Schichten festgetretener Erde wühlen zu müssen. Ihr eigenes, uns nicht begreifliches Dasein führten. Sie strömten Fremdheit, unbekannten schweren Duft. Atmeten den Klang der Stille. Liehen Stimmen von ringsum. Die der Möwen - Musik und Angriffslaut und bitterböser Streit und Kindergreinen. Das Tirillieren kleiner Vögel. Ich begann die Melodien zu unterscheiden, den Gesang der Seelen. Mochte nichts als Sitzen, auf die Berge blicken, auf das Meer, nicht sie besteigen, nicht in ihm schwimmen. Hiersein bloß, wo Grenze nicht von uns gezogen war.

Und eines Tages begann ich Bilder zu rauben. Mit dem Apparat verschämt unter der Jacke erjagte ich eins ums andere. Das wurde zum Rausch, zum süßen Rufen der Gänge und Türen, der Blumen und Figuren, ihrer sprechenden Formen und Farben. Nahm einen kleinen Engel ins Bild ohne ihn lange zu schauen, er rührte mich, ich dachte noch lange daran.

Des nachts lag ich und träumte: von einer Art Irrenanstalt. Musste die Kamera verstecken, vor all den unheimlichen Kreaturen in ihren Zellen. Sah Schornsteine auf den Dächern der Gräber, rauchende.

War das der Atem der Toten?