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Paradies einer Verrückten

[Teil 1 das Dorf] [Teil 2 die Kunst] [Teil 3 die Menschen]
(Aussenseiterkunst zwischen Calvinismus und Apartheid)

Mit fünfzig begann sie, farbiges Glas in einer Kaffeemühle zu zermahlen. Die Splitter klebte sie an Wände und Fenster ihres Elternhauses. In den folgenden dreißig Jahren schuf sie in ihrem Garten 500 phantastische Skulpturen aus Zement, viele davon Eulen. Um dem eigenen Zerfall und damit dem Ende ihrer verzweifelten Schaffensperiode zu entgehen, schluckte sie Ätznatron und starb innerhalb von drei qualvollen Tagen inmitten ihrer glitzernden Kulisse. Die Konsequenz, mit der sie ihr Innerstes nach Außen stülpte und obsessiv Farben und Licht in ihr Leben zu holen versuchte, konfrontiert den Betrachter mit seinen eigenen Grenzen und Abgründen, und den Schätzen dahinter. Lange wurde die Künstlerin als verrückt bespottet und verachtet, inzwischen ist das „Owlhouse“ weit über die Grenzen Südafrikas bekannt.

Helen Martins stand im denkbar größten Gegensatz zu ihrer Umgebung – dem streng calvinistischen Nieu-Bethesda in der südafrikanischen Karoo. 50 Kilometer trennen die Bergbewohner vom nächsten Städtchen, 30 von der Eisenbahn. Strom gibt es erst seit 1992, Straßenbeleuchtung will man immer noch nicht. Viele Bürger kehren nach Jahren in den Städten zurück, des Friedens und der Ruhe wegen – hier stehen die Türen noch offen.

Paradiesische Zustände im Dorf mit dem biblischen Namen. Und das im kriminellsten Land der Welt. In letzter Zeit allerdings beklagen die Farmer nächtlich niedergemetzelte Schafe. Mundraub durch hungernde Townshipbewohner. Der Frieden ist trügerisch – sein Fundament die weiterhin bestehende rassistische Ordnung.

50 Weiße leben in dem Dorf um die einstige Missionskirche. Unter ihnen Künstler, Aussteiger und Esoteriker, allesamt gutsituiert, umgeben von Gärten und Tennisplätzen. Tausend Meter weiter, die staubige Schotterstraße hinunter zum Fuß der Berge, hausen im Township 1000 Schwarze. Unter ihnen der langjährige Assistent von Helen Martins. In kleine Steinhütten gezwungen, seit den Group Acts 1974. Fast alle arbeitslos und hungrig, aber voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder.